Die Sehnsucht nach dem Herz des Vaters

Die Sehnsucht nach dem Herz des Vaters
- Eine Anstiftung zum Theaterstück „Es dauert verdammt lange, bis man jung wird“.

Orhan sitzt mir gegenüber und lächelt freundlich. Er ist ein junger gepflegter türkischer Mann Mitte 20. Mit seiner Mutter wäre alles Bestens, sie sei ihm heilig. Aber sein Vater wäre für ihn tot. Auf ihn angesprochen verändern sich seine Gesichtszüge. Er habe die Familie verlassen, als er dreizehn war. Die Mutter habe in großer Hingabe als Alleinerziehende den Laden geschmissen und die zwei Kinder alleine durchgebracht. Ob er denn noch irgendwelche Gefühle für den Vater hätte. Nein. Der Vater wäre ein A…. Da sei nichts mehr und daran würde sich auch nie mehr was ändern. Ich versuche es noch einmal: Ob er dann kein Verständnis für seinen Vater habe, denn er sei ja auch selbst genau wie sein Sohn mit 13 Jahren von seinem Vater verlassen worden sein. Nein, sein Verhalten sei unentschuldbar. Er habe seine Chance gehabt. Die habe er aber endgültig vertan.

Paul ist 52 und nicht von seinem Vater verlassen worden. Physisch war er permanent anwesend. In der Rückschau hat Paul ihn verbal und körperlich gewalttätig erlebt. Es fallen ihm mehr negative Erlebnisse mit ihm ein als positive. Im Blick auf seinen eigenen Sohn versucht er ein besserer Vater zu sein. Und dennoch gelingt es ihm nicht, auf verbale Aggressionen zu verzichten. Manchmal rastet er ohne Vorwarnungen aus und stößt damit seine Familie massiv vor den Kopf. Sein Vater ist mittlerweile 83 und das Verhältnis zu ihm ist immer noch distanziert, unterkühlt und belastend.

Ich kann Orhan verstehen. Seine tiefe Enttäuschung, seinen verletzten Stolz und die Härte in seinem Urteil. Ich kann Paul verstehen und die vielen Männer und Frauen, denen es ähnlich geht. Egal welchen Alters und welcher Epoche. Sie alle haben Männer als Väter erlebt, deren Herz sie nicht gespürt haben. Und das hat in ihnen eine Wunde hinterlassen, deren Auswirkungen ihnen oft nur wenig bewusst sind.

Da war die Sehnsucht des Kindes noch Zuwendung, nach Bestätigung und Anerkennung, nach einer liebevollen Geste, nach dem Wort: Es ist schön, dass du da bist. Da war die Sehnsucht nach der Hand, die trägt und führt und später nach dem Wort, das tröstet und Mut zuspricht. Da war der Wunsch nach einem Gegenüber, mit dem man sich auseinander setzen wollte, an dem man sich die Hörner abstoßen kann; die raue Haut und der Geruch nach Rasierwasser, die breite Schulter und die Standfestigkeit, die vieles erduldet. Und dann kam die Enttäuschung, weil diese Väter das alles nicht oder nur unzureichend geben haben. Wenn wir den Blick weiten und auch verstehen, dass diese Väter einmal Kinder waren, werden wir verstehen, dass sie es nicht geben konnten, weil ihnen selbst der Zugang zum Herz ihres eigenen Vaters gefehlt hat. Wenn die Sehnsucht nach dem Herzen des Vaters ins Leere läuft bleibt meistens etwas zurück: Enttäuschung und Resignation, Wut und  Schmerz, oder auch der Zwang, die Leere betäuben zu wollen durch Arbeit, Konsum und dem Bedürfnis nach Macht. Doch die subtilsten Folgen sind der Vorwurf, die heimliche oder offene ausgetragene Verachtung des Vaters und das eigene verschlossene Herz.

Die Kinder von damals sind heute selber in ihrer Lebensmitte angekommen und sehen sich Vätern gegenüber, die jetzt 70, 80 oder noch älter sind. Die Zeit hat nicht alle Wunden geheilt. Die emotionale Sprachlosigkeit ist geblieben, längst eingeschliffen und routiniert und wird von den Betreffenden als völlig normal erlebt. Aber tief im Inneren wartet noch immer die Sehnsucht nach dem Spüren des väterlichen Herzens.

Dass es auch anders gehen kann, müssen Männer – vielleicht anders als Frauen – erst am eigenen Körper erfahren. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer Heilung der Vaterwunde ist die Erfahrung von entwaffnender Begegnung. Die Waffen des Stolzes, der Ignoranz, der Verachtung und Besserwisserei aus der Hand zu  legen erfordert für den Sohn den Mut, ungeschützt ins Schlachtfeld zu treten. Nicht mehr den Trumpf des Vorwurfs in der Hand haben, auf das Gefühl der eigenen Überlegenheit verzichten, auf die wahnwitzige Idee, klüger oder reifen zu sein als der Vater, oder sein Leben besser gemeistert zu haben als er.

Erst das Niederstrecken der Waffen in der persönlichen Begegnung -  genauso wie in der Begegnung zweier Völker, die sich bisher feindlich gegenüber gestanden sind – eröffnet den vorurteilslosen und liebenden Blick für den anderen;  sorgt für Überraschungen; weckt die Neugier, den anderen näher kennenzulernen; drängt hin zur Berührung, der ursprünglichsten Form der Kommunikation, die Jungen in einem Alter von etwa 12 Jahren meistens ablegen.

Staunend sich vortastend, die Hand des anderen erkundend, die dem Kind einst Berührung geschenkt hat, dann aber in Vergessenheit geraten ist. Die Wärme spürend, die davon ausgeht. Dann einen Schritt weiter wagen, die Brust des Vaters erkunden, um dahinter sein Herz zu spüren. Einem vom Vater berührten Mann fällt es leichter, andere zu liebevoll berühren.

Wenn ich an Orhan, an Paul und viele andere Männer denke, wird mir gleichzeitig auch bewusst, wieviel Überwindung dazu gehört, auf die Verurteilung des Vaters zu verzichten. Es scheint den Betroffenen so, als würden sie dann das Verhalten der Väter entschuldigen. Aber es geht nicht um Entschuldigung, sondern es dreht sich im Leben immer um den Prozess der Versöhnung zwischen Menschen, der in der eigenen Familie beginnen muss, damit umfassender Frieden werden kann. Waffenstillstand ist zu wenig.

Wer einen solchen Weg der Versöhnung mit der eigenen Geschichte, den Eltern oder anderen Personen, die ihn in seiner Lebensgeschichte verletzt haben, nicht geht, sorgt unbewusst dafür, dass sich die Verwundung infiziert und auf irgendeine Weise „Früchte“ trägt spätestens aber in der Generation der eigenen Kinder oder Enkel.

Das Stück „Es dauert verdammt lange, bis man jung wird“ des DialogTheaters möchte die Zuschauer zu einem solchen Weg der Annäherung zwischen den Generationen anstiften. Das Schöne und Verheißungsvolle in dieser Geschichte ist, dass der erste Schritt zur Versöhnung vom alten Vater ausgeht. Und zwar deshalb, weil er für sich entschieden hat, einen neuen und bewussten Weg einzuschlagen. Solche  weise Alte braucht ein Land. Wenn die Generation 60- und 70plus zu einem solchen neuen Selbstbewusstsein erwacht, wird das eine erdrutschhafte Veränderung in unserer Gesellschaft bewirken.

Anstöße in diese Richtung möchte auch gerne das DialogCafé geben. In angenehmer und offener Gesprächsatmosphäre können Interessierte Lebensthemen vertiefen, einander begegnen, kreuz- und querdenken , andere Sichtweisen erfahren und sich sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen bereichern.

 

 

 

 

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